Die Sage von Wasemanns Kirchhof
Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) war Westfalen, einschließlich Herzebrock, Durchmarschgebiet, Schauplatz von Einquartierungen und Plünderungen, besonders durch schwedische Truppen nach 1630. Die Region litt unter Zerstörung, Kontributionen[1] und der Pest, als Söldnerheere sich aus dem Land versorgten.
In diesem Zusammenhang entstand wohl die Sage von „Wasemanns Kirchhof“, die zu den eher unbekannten, aber ziemlich düsteren Lokalgeschichten gehört. Sie stammt aus alten Heimatüberlieferungen, die u. a. im Heimatbuch „Herzebrock 860–1950“[2] erwähnt werden.
Es existiert zudem eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel: „Der historische Kern hinter der Legende um Wasemanns Kirchhof“ (1990)[3].
[1] Für den Unterhalt der Besatzungstruppen erhobener Beitrag im besetzten Gebiet.
[2] Herzebrock 860 – 1950, Festschrift zur Erinnerung an den Heimattag 1950, Hrsg.: Heimatverein Herzebrock. URL: www.heimatverein-herzebrock.de/fileadmin/user_upload/Veranstaltungen/Kultur_im_Klostergarten/download/Herzebrock_860_-1950.pdf [Stand: 03.04.2026], S. 27-28.
[3] Kindler, Jürgen; Lewe, Wolfgang A.; Eisenhut, Heinz G., Der historische Kern hinter der Legende um Wasemanns Kirchhof (1991), in: Heimat-Jahrbuch Kreis Gütersloh. - 1991 (1990), S. 36-39, 181: Ill., Pl.
Im Urkataster ist Wasemanns Kirchhof als Teil von Flur 4, Parzelle Nr. 39 verzeichnet. (Anmerkung: Die Karte ist nicht nach Norden ausgerichtet.) Durch die Neuausweisung des NSG Flugplatz Gütersloh steht der Bereich seit ein paar Jahren unter Naturschutz.
Quelle: Landesarchiv NRW Abteilung OWL, D 73 Kat. Minden 1 Nr. 092/001/041
Weiterführendes Material
Kathrin Maas, So sah es aus, als Söldner um 1620 einen Bauernhof plünderten. 02.10.2023, in: SPIEGEL Geschichte 5/2023, URL: https://www.spiegel.de/geschichte/dreissigjaehriger-krieg-wie-soeldner-einen-bauernhof-plu-nderten-a-9142f2d1-bb01-4d33-83cf-a11679011b9f [Stand: 03.04.2026].
ZDF goes Schule, Als Söldner im Dreißigjährigen Krieg. 09.09.2018. URL: https://schule.zdf.de/video/soeldner-im-dreissigjaehrigen-krieg-peter-hagendorf-100 [Stand: 03.04.2026].
Wasemanns Kirchhof in Quenhorn – Version von 1927
Der Dreißigjährige Krieg war los. Furchtbar fraßen Not und Tod sich durch das Land. Ein wilder Schwedenhaufe kam mit wehenden Fähnlein die Landstraßen her, die von Marienfeld in südlicher Richtung zur Ems führt. Gerade an der derben Holzbrücke, die hinüberführte, lag die Brocker Mühle, die den frommen Schwestern zu Herzebrock gehörte und im Dienst der Nonnen Tag für Tag klapperte. Hei, wie da die wilden Kerle lachten! Die vielen Säcke voll Korn, die sollten nun ihnen gehören. Mahle, Müller, mahle! Die Schweden brauchen Brot! Und Fleisch brauchen sie auch! Die Raubgesellen brachen in die Ställe und holten sich Kühe und Schweine heraus. Dem Müller, der ihnen das wehren wollte, schlugen sie mit ihren breiten, krummen Säbeln die Knochen so windelweich, dass er sich drei Wochen nicht bewegen konnte.
In der Nähe der Mühle teilte sich der Weg. Während der eine in südlicher Richtung zum Kloster Herzebrock führt, biegt der andere links ab zur Tiggebrücke. An dieser Stelle schlugen die Schweden das Lager auf. Dann plünderten die rohen Landsknechte unter gotteslästerlichen Flüchen und wildem Geschrei die ganze Gegend aus. Betten, Schränke und Tische, große Wagen voll Heu und Stroh, voll Korn und Mehl, grunzende Schweine und brüllende Kühe wurden unter Schimpfen und Schlägen ins Lager getrieben. Die Bauern flohen mit Weib und Kindern vor Schrecken in die Wälder. Einige, die ihren Besitz zu verteidigen versuchten oder Geld und Silber vergraben hatten, wurden mit ins Lager geschleppt und an den knorrigen Kiefern aufgeknüpft. Auf den Dächern der menschenleeren Bauernhäuser flog „der rote Hahn“. Die großen Lagerfeuer erhellten unheimlich den nächtlichen Himmel. Die Knochen des geschlachteten Viehs lagen wüst auf dem Platz umher. Hungrige Füchse schlichen in der Nacht hinzu, nagten die Fleischreste herunter und schnupperten an den Bäumen hinauf, wo das Totengebein gehenkter Bauern vom Wind schauerlich geschaukelt wurde. „Ein schöner Kirchhof“, sagten die Landsknechte und lachten dazu.
Da brach eine fürchterliche Krankheit aus, und die meisten Schweden fielen ihr zum Opfer; nur wenige entkamen. Wildes Getier fraß an den verwesenden Leibern. Wie ein wüster, stinkender Wasenplatz war nun die Stätte. – Erst nach Jahren wagte es der Grundherr, sich ein neues Heim aufzubauen. Das Gebein von Tier und Mensch verscharrte er in einer großen Grube. Wasemann heißen seine Nachkommen bis auf den heutigen Tag. Auf „Wasemanns Kirchhof“ recken noch immer die Kiefern die Äste wie Arme in die Höhe, und wenn der Wind durch die Kronen harft, klingt es düster wie ein Totenlied.
(Diese Sage wurde vor Jahrzehnten gesammelt und 1927 in der „Heimatkunde des Kreises Wiedenbrück“ veröffentlicht.)
Die Glocken-Sage
Die Sage, die aus der historischen Klosterzeit stammt, handelt von einer Glocke der Herzebrocker Klosterkirche. Sie ist dem Volksmund nach vor vielen hundert Jahren in einem sumpfigen Teich nahe der heutigen Gütersloher Straße versunken.
Damals soll die Glocke noch schöner als alle anderen Kirchenglocken der Umgebung geklungen haben. Ihr Ruf soll weithin erklungen sein, als wenn man riefe: „We stiählt, de fällt! De Düwel en hält!“ (Wer stiehlt, der fällt! Der Teufel ihn hält!).
Die Sage erzählt: In einer stürmischen Nacht gelang es Ganoven, die Glocke mit Hilfe eines Wagens unbemerkt zu stehlen. Erst als eine junge Nonne zum Chorgebet läuten wollte, fiel der Diebstahl auf. Daraufhin folgten die Klosterknechte einer frischen Wagenspur. Sie befand sich ganz in der Nähe des Klosters. Als die Diebe, die noch nicht weit gekommen waren, die Windlichter ihrer Verfolger sahen, bogen sie ins Gebüsch ab. Durch die Finsternis erkannten sie den sumpfigen Teich nicht, in den sie samt der schweren Glocke versanken.
Der Legende nach spricht noch heute ein Mal jährlich eine Stimme aus dem Teich: „We stiählt, de fällt! De Düwel en hält!“ Da die Herzebrock-Clarholzer jedoch weder den Tag, noch die genaue Stunde kennen, an dem der Ruf aus dem Sumpf ertönt, können sie die Stimme auch nicht mehr hören.




